The best of all worlds – kombinierter Verkehr nutzt verschiedene Verkehrsträger für denselben Transport. Mit dem Container per Lkw zum Terminal, die lange Distanz mit der Bahn oder dem Schiff. Die Zustellung auf der letzten Meile erfolgt dann per Transporter oder – extrem klimafreundlich und flexibel – mit dem Lastenfahrrad. Doch in letzter Zeit mehren sich kritische Stimmen: Ist der kombinierte Verkehr ein Auslaufmodell? Je mehr Schnittstellen, desto grösser das Risiko von Störungen. Ein nüchterner Blick auf das Kombi-Modell zeigt: Es liegt nicht am Konzept. Auf die Umsetzung kommt es an.
Warum die Kritik?
Jeder Umschlag erzeugt Abstimmungsbedarf. Jede zusätzliche Übergabe erhöht die Komplexität. Die Probleme können an verschiedenen Knotenpunkten auftreten. Je mehr Übergänge eine Transportkette hat, desto mehr Risiken sind denkbar.
- Engpässe an Terminals. Containerterminals sind hochkomplexe Knotenpunkte der Logistik. Kurzfristige Störungen führen schnell zu Rückstaus.
- Verspätungen auf der Schiene. Vor allem in Deutschland kommt es regelmässig zu Verzögerungen und Ausfällen. Kombinierte Transporte sind aber auf feste Slots angewiesen, um sicher kalkulieren zu können.
- Medienbrüche. Digitale Schnittstellen sind häufig nicht harmonisiert. An den Übergängen zwischen den Verkehrsträgern entstehen deshalb immer wieder Fehler.
- Kontinuierliche Abstimmung. Kombinierter Verkehr erfordert einen erhöhten Kommunikationsaufwand und führt deshalb zu Mehrbelastungen in der Administration.
- Haftung. Wer haftet für welche Fehler an welchen Umschlagsorten? Eindeutige Zuordnungen von Verantwortlichkeiten sind häufig nur mit intensiver Ursachenklärung möglich.
Das Problem liegt auf der Hand: viele Probleme an den unterschiedlichen Schnittstellen. Die vermeintlich logische Konsequenz: Reduktion der Komplexität durch Reduktion der Übergänge. Doch ist diese Gleichung in der Praxis tatsächlich tragfähig? Und verfügt der kombinierte Verkehr nicht über strukturelle Stärken, die durch bessere Integration, Digitalisierung und klare Prozessgestaltung gezielt genutzt werden können?
Komplexität ist nicht gleich Instabilität
Um es vorwegzunehmen: Die blosse Reduktion von Übergängen innerhalb einer Lieferkette führt nicht zwangsläufig zu mehr Stabilität. Ein einfaches Gedankenspiel verdeutlicht dies: Dieselbe Strecke ausschliesslich per Lastkraftwagen über Landstrassen und Autobahnen zurückzulegen, wirkt zunächst einfacher. Tatsächlich ist diese Lösung jedoch keineswegs weniger komplex als ein Transport mit mehreren Übergängen.
Denn auch eine einzige, durchgehende Fahrt birgt zahlreiche Risiken – die mit zunehmender Distanz wachsen. Staus, Fahrermangel, Übermüdung, steigende Mautkosten oder kurzfristige Verkehrsbeschränkungen können den gesamten Ablauf beeinträchtigen. Das heisst: Komplexität verschwindet nicht – sie verlagert sich lediglich. Auf der anderen Seite bietet die Diversifizierung von Verkehrsträgern die Chance, Risiken zu streuen.
Auf den Punkt gebracht: Wer alles auf einer Strecke fährt, macht sich von dieser einen Route abhängig. Wer verteilt, verteilt auch die Risiken. Resilienz entsteht erst durch intelligente Diversifizierung. Verschiedene Verkehrsmodi schaffen Alternativen, die Routenanpassungen bei Problemen leichter möglich machen.
Ein weiterer Aspekt der Resilienz sind die politischen Rahmenbedingungen. So kann man beispielsweise flexibler auf steigende CO₂-Kosten reagieren, wenn man von Anfang an auf verschiedene Verkehrsträger setzt. Ein rein strassenbasierter Transport hat hier deutliche Schwächen. Die Einbindung von Schiene und Wasserwegen erhöht die strategische Anpassungsfähigkeit.
Multimodalität als Konzept hat klare Vorteile. Denn es kommt nicht auf die Zahl der Übergänge in einer Lieferkette an, sondern auf die Umsetzung.
Integration entscheidet
An den Übergängen in einer Lieferkette sind vor allem Informationsverluste verantwortlich für Schwierigkeiten. Wenn die Koordination gelingt, wird das Risiko deutlich geringer. Folgende Handlungsfelder sind besonders wichtig:
- End-to-End-Transparenz. Transparente Transportabschnitte schaffen Planungssicherheit über die gesamte Lieferkette. Nur so können Ressourcen vorausschauend disponiert werden.
- Echtzeitdaten. Nur stets aktuelle Positions- und Statusmeldungen machen sofortige Reaktionen möglich. Verzögerungen müssen sofort sichtbar sein.
- Standardisierte Schnittstellen. Einheitliche Datenformate statt Medienbrüche. So können sich alle beteiligten Akteure sofort abstimmen.
Die Komplexität einer Lieferkette verliert genau dort ihre Schrecken, wo die Integration gelingt. Was ist also zu tun? Drei Punkte sind entscheidend:
- Digitalisierung konsequent vorantreiben und darauf achten, dass sie entlang der gesamten Lieferkette gesichert ist.
- Möglichst viele Prozesse standardisieren und vereinheitlichen. Daten müssen automatisch fliessen – ohne manuelle Nachbearbeitung.
- Strategische Partnerschaften aufbauen. Gerade wenn es um die Vermeidung von Medienbrüchen geht, sind Absprachen essenziell. Alle Beteiligten müssen zu jeder Zeit auf demselben Stand sein.
Fazit
Der kombinierte Verkehr hat Zukunft – wenn die Übergänge stimmen. Denn als Prinzip bietet die Kombination verschiedener Verkehrsträger mehr strategische Vorteile als operative Nachteile. Doch die Vernetzung darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Es geht um aktive Gestaltung. Klare Prozesse und verlässliche Partnerschaften sind dafür zentrale Voraussetzungen. Wenn die Koordination gelingt, wird aus einer potenziell fragilen Lieferkette ein flexibles und steuerbares System. Nicht die Zahl der Übergänge entscheidet, sondern ihre Qualität.