Jede Retoure ist ärgerlich. Zurückgesendete Waren sind mit Kosten, Arbeitsaufwand und logistischen Problemen verbunden. Onlineshops versuchen deshalb, ihre Retourenquoten niedrig zu halten. Doch was ist mit den Rücksendungen, die sich nicht vermeiden lassen? Das Zauberwort heisst Recommerce. Durch den Wiederverkauf bieten sich Onlinehändlern neue Umsatzpotenziale und die Stärkung des Öko-Images.
Recommerce – was ist das?
Das Wort Recommerce setzt sich aus Re (zurück) und Commerce (Handel) zusammen. Und da sich der Handel heute hauptsächlich online abspielt, ist der Gleichklang mit E-Commerce kein Zufall, sondern Absicht. Recommerce ist der Rückkauf, die Aufbereitung und der Wiederverkauf von Produkten. Recommerce gewinnt im Online-Handel immer mehr an Bedeutung. Und das liegt an verschiedenen Faktoren:
- Die Retourenrate steigt. Kunden fordern von Onlinehändlern einfache Rückgabeprozesse. Die schnelle Abwicklung von Retouren ist ein Qualitätsmerkmal von Onlineshops. Und eine Retourenquote von null ist deshalb in den meisten Branchen unrealistisch.
- Recommerce ist klima- und umweltfreundlich. Wenn dieser Aspekt auf der Onlineshop-Seite wirksam kommuniziert wird, stärkt dies das eigene Image. Tu Gutes und rede darüber.
Übrigens wurde der Begriff Recommerce als Erstes in der Elektronikbranche verwendet, um der Wiederverwertung von Smartphones einen klingenden Namen zu geben. Mittlerweile hat sich die Bezeichnung auch in allen anderen Produktgruppen durchgesetzt.
Verkaufen statt abschreiben
Es liegt auf der Hand, dass sich der Wiederverkauf von zurückgesendeten Produkten lohnt. Statt die Ware abzuschreiben, wird ein neuer Wertschöpfungsprozess in Gang gesetzt – entweder im eigenen Shop, mithilfe von Partnern oder auf spezialisierten Portalen. Positive Aspekte von Recommerce zeigen sich auch langfristig:
- Lageroptimierung: Retouren blockieren Lagerfläche. Wiederverkauf schafft Platz für neue Produkte und neue Umsätze.
- Die Stärkung des Markenimages mit Recommerce wirkt sich positiv auf die Kundenbindung aus.
Schliesslich lässt sich mit Recommerce die Zielgruppe erweitern. Insbesondere preissensible Käufer sind ständig auf der Jagd nach Online-Aktionen. Auch Shops mit hochwertigen Produkten können ihren Kundenkreis mit Recommerce ausdehnen, ohne den regulären Verkauf dadurch zu kannibalisieren.
Recommerce in der Praxis
Welche Waren eignen sich für den Recommerce und welche nicht? Um dies festzustellen, ist ein strukturierter Retourenprozess nötig, der je nach Menge unterschiedlich sein kann. Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen den folgenden Zuständen:
- neuwertig
- gebraucht
- defekt
Viele Produkte zeigen schon auf den ersten Blick, dass sie sofort wieder verkäuflich sind – wenn sie zum Beispiel noch original verpackt und versiegelt sind. Bei ausgepackten Elektronikartikeln ist immer eine Funktionsprüfung notwendig. Je nach Zustand werden die Produkte dann gereinigt, neu verpackt oder repariert – und dann als “wie neu”, “gebraucht” oder “refurbished” angeboten.
Recommerce – wo?
Und wie kommt die zurückgesendete Ware dann wieder an die Frau oder den Mann? Grundsätzlich bieten sich für den Wiederverkauf drei Möglichkeiten:
- Recommerce im eigenen Onlineshop (mit einer eigenen Kategorie, zum Beispiel “Zurück im Angebot”, “Zweite Chance” oder “Fast wie neu”).
- Öffentliche Plattformen wie eBay, refurbed oder BackMarket.
- Spezialisierte B2B-Ankäufer (hier sind auch langfristige Verträge möglich).
Diese verschiedenen Strategien haben Vorteile und Nachteile. Der selbstgemachte Recommerce auf der eigenen Website erlaubt die volle Kontrolle über den Verkauf und die Kundendaten sowie einen spürbaren Imagegewinn durch effektiv kommunizierte Nachhaltigkeit. Allerdings erfordert diese Variante natürlich ein neues Retouren-Management-System.
Portale wie eBay und Co. versprechen eine grosse Reichweite mit schneller Abwicklung und geringem technischen Aufwand. Die Plattformen lassen sich diese Vorteile jedoch mit teilweise hohen Provisionen bezahlen. Reselling über B2B-Anbieter erlaubt Festpreise und langfristige Verträge – ein Plus für die Planbarkeit. Auf der anderen Seite verlieren Onlinehändler über dieses Vorgehen den Kontakt zum Kunden und müssen geringere Margen in Kauf nehmen.
Grenzen von Recommerce
In der Regel lohnt sich Recommerce für jeden Onlineshop. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen. Bei niedrigpreisigen Produkten, die in geringen Mengen verkauft werden, ist der Aufwand für den Wiederverkauf oft höher als der zu erwartende Gewinn. Auch für Shops, die noch keine passende Logistik- und Retourenstruktur haben, stellt sich die Frage von Recommerce zunächst nicht. Generell abzuraten ist Recommerce auch für folgende Produktgruppen:
- Hygiene- oder Gesundheitsprodukte, Unterwäsche und Ähnliches sind häufig schon rechtlich vom Wiederverkauf ausgeschlossen.
- Bei saisonalen Modeprodukten besteht immer die Gefahr, dass der Trend nach der Aufbereitung schon wieder vorbei ist.
- Es gibt Produkte mit einer sehr komplexen Prüfungspflicht. Hohe Sicherheitsanforderungen können dann nur mit aufwendigen Kontrollen erfüllt werden.
Schliesslich eignen sich auch Luxus- und Exklusivmarken in der Regel nicht für Recommerce. Denn durch den Wiederverkauf zurückgesendeter Artikel verliert eine Marke schnell den Ruf als Premiumanbieter.
Unser Fazit: Neue Umsätze statt Mehrkosten
Recommerce macht aus Minusgeschäften neue Chancen. Retournierte Ware kann bewusst als Umsatzquelle genutzt werden. Vor allem in Zeiten gestiegener Retourenquoten sollte jeder Onlinehändler die Möglichkeit von Recommerce prüfen. Denn es erschliesst neue Zielgruppen und verbessert zugleich die Effizienz der eigenen Logistik. Recommerce ist mehr als Recycling. Es ist ein Umdenken, das zu neuem Wachstum im E-Commerce führt.